Bienenkonferenz zur behandlungsfreien Imkerei 2018

Bericht über die „Bienenkonferenz zur
behandlungsfreien Imkerei“ vom 7. – 8. April 2018
in Neusiedl am See

 

Diese Konferenz hatte von Beginn an zwei ermutigende Besonderheiten:
Sie war auf der Grundlage einer Initiative von Imkern zustande
gekommen, die endlich einen Schritt vorwärts gehen wollen. Das
Verdienst, die erste Konferenz dieser Art im deutschsprachigen Raum
organisiert und umgesetzt zu haben, gebührt Gabi und Norbert Dorn.
Nie zuvor fand eine Konferenz mit einem derart breiten Teilnehmerfeld
statt. Es reichte von weltbekannten Resistenzzüchtern, deren Fokus sich
auf die Möglichkeiten behandlungsfreier Imkerei für große und sehr große
Imkereien richtet über jene, die sich jenseits aktiver und zielgerichteter
Zucht- und Auslesebemühungen bewegen und dabei Beute und
Betriebsweise untersuchen über Betrachtungsweisen, die den „Bien“ als
Subjekt wieder ins Blickfeld nehmen, in der Tradition unserer altvorderen
„Bienenväter“, bis hin zu konkreten Handlungsvorschlägen für
behandlungsfreies Imkern.
Hierbei kamen die Referenten aus ganz Europa zusammen: aus
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Polen, Finnland und
der Schweiz.
Sieht man die heutige Problematik der Bienen und der Imkerei als großes
Bild, ein Tableau, in Form eines Puzzles, von dem wir noch nicht alle
Steine haben, so war es sehr wichtig und überaus sinnvoll, Leute
zusammen zu bringen, die sich so breit auffächern, dass sie normalerweise
nicht aufeinander treffen. Hier nun saßen sie, hörten einander zu und
brachten ihre einzelnen Mosaiksteinchen zum Puzzle, wodurch das Bild
vollständiger wurde.

Heidi Herrmann

Einleitend wies Frau Heidi Herrmann aus Großbritannien auf die oben
erwähnten Besonderheiten der Konferenz hin: Die Breite der
Anschauungen – von Großimkern über jene, die sich jeweils als artgerecht,
naturgemäß, wesensgemäß oder Bioimker verstehen, und im Verlauf der
Konferenz ihren jeweiligen Nutzen aus den speziellen Themen der
Vorträge ziehen können. Sie prangerte auch die Scheinheiligkeit der
Politik an, die jahrzehntelang durch massives Zubetonieren den
Lebensraum der Bienen zerstörte und sich nun mit der Errichtung
einzelner „Grünstreifen“ brüstet.

Jürgen Küppers

Als nächstes gab Jürgen Küppers aus Deutschland einen Überblick über
die Entwicklung der Imkerei und deren Zukunftsaussichten. Basierend auf
seinem gleichnamigen Buch sprach er über die Wende in der
Bienenhaltung seit Langstroth sowie die Entfaltung der Resistenzzucht und
anderer alternativer Aktivitäten als Reaktion auf die Krise in der Imkerei.
Der überwiegende Teil des ersten Tages war den Vorträgen von drei in der
Imkerwelt wohlbekannten Resistenzzüchtern vorbehalten.

Dr. John Kefuss

Dr. John Kefuss (Frankreich) gebührt das Verdienst, der „Eisbrecher“ der
behandlungsfreien Imkerei gewesen zu sein. Er bewies, dass unsere Biene
ohne Behandlung überleben kann, und war somit verantwortlich für das
Lösen aus der „Schockstarre“, in der sich so mancher Imker eine Zeit lang
befand. Nun konnte man sich wieder zutrauen über behandlungsfreies
Imkern nachzudenken, ohne sich als Träumer, Romantiker, Narr oder
Spinner fühlen zu müssen. Nach Dr. Kefuss kann kein ernstzunehmender
Wissenschaftler mehr behaupten, Bienen seien nicht in der Lage, ohne
Dauermedikation zu überleben. Nur noch Pharmavertreter, deren eigene
finanzielle Interessen dabei im Vordergrund stehen, werden versuchen
derartiges zu verbreiten.
Dr. Kefuss sprach zunächst die Anwendersicherheit von behandelnden
Imkern an, die ja heutzutage schon dazu führt, dass manche mit
Gasmasken zum Bienenstock gehen. Jedoch müssen sie darauf achten,
nicht gesehen zu werden, wegen des „Images“…
Hauptsächlich berichtete er über die Durchführung seines „Bondtests“,
nunmehr zu einem “Soft Bond Test“ verfeinert. Dabei werden
Bienenvölker mittels eines Hygienetests vorselektiert. Jene, die gut
abschneiden, werden in unbehandelte Völker verwandelt. Aus diesen
unbehandelten Völkern werden Königinnen gezüchtet und die
nichtresistenten Völker damit umgeweiselt. Dadurch erreichte er (in
Abänderung einer Naturselektion, wo alle ungeeigneten Völker ausgerottet
werden), dass viel mehr Völker überleben, weil die Verluste nur die
vorselektierten Völker betreffen. Somit war dies eine attraktive
Möglichkeit für Berufsimker mit großen Völkerbeständen, ihr Risiko zu
minimieren.
John Kefuss tat dies zu einer Zeit, als alle anderen Wissenschaftler
predigten, dass behandlungsfreies Imkern unmöglich sei. Als
Wissenschaftler hat er seine Versuche umfangreich dokumentiert und der
Audienz darin Einblick gewährt.

Juhani Lunden

Als nächster Resistenzzüchter trat Juhani Lunden aus Finnland auf. Im
Unterschied zu Dr. Kefuss traf er keine Vorauswahl, sondern ließ – wie in
der Natur – seinen gesamten Bienenbestand (150 Völker) unbehandelt.
Anders als bei dem Test auf Gotland griff er ein, indem er Ableger machte,
um den Verlust auszugleichen und auch imkerliche Interessen wie
Honigertrag u.a. beachtete.

Erik Österlund

Erik Österlund aus Schweden wiederum ging einen weiteren Weg in der
Resistenzzüchtung. Er setzte kleinere Zellen ein und vermehrte dadurch
eine Biene, die schneller verdeckelt (die Elgonbiene). Um den
Möglichkeiten des Imkers entgegenzukommen, entwickelte er ein System,
bei dem er den Varroabefall genau beobachtete und jene Völker, die dem
Selektionsdruck nicht standhalten konnten, wieder mit Thymol behandelte.
Allerdings entfernte er sie von seinem zentralen Bienenstand, an dem er
vermehrte. So behielt er alle seine Bienen, hatte aber zugleich die
Möglichkeit, einen gewissen Selektionsdruck aufrechtzuerhalten.
Der zweite Tag der Konferenz war der Frage gewidmet, ob es auch
außerhalb aktiver Zuchtarbeit und Auslese einen Weg aus der Sackgasse
heutiger Imkerei gibt.

Torben Schiffer

Torben Schiffer arbeitet an einem Projekt von Prof. Dr. Jürgen Tautz in
Würzburg mit. Sein Interessensschwerpunkt liegt auf der Symbiose
zwischen Biene und Bücherskorpion, wie sie wohl seit Millionen von
Jahren existiert und das Volk im Gleichgewicht mit Milben und
Schädlingen hält. Heutzutage finden sich jedoch kaum mehr
Bücherskorpione auf natürliche Weise in den Beuten. Bei der Frage des
Warum beschrieb er zuerst einmal die ursprünglichen Bienenbehausungen:
hohle Bäume, Klotzbeuten, Strohkörbe. Deren Feuchtigkeits- und
Wärmeregulation wurden physikalisch erfasst sowie die Möglichkeiten
einer Optimierung. Dabei entdeckte man die Notwendigkeit und den hohen
Stellenwert von Propolis im Bienenstock. Im Vergleich dazu sind die
heutigen Beuten zu feucht und die Wärmeschwankungen zu groß.
Insbesondere Styroporbeuten, Bienenkisten und die Kenya Bar Hive
kommen laut Schiffer extrem schlecht weg – eine für so manch naturnah
arbeitenden Imker sicherlich interessante Feststellung. Vorgeschlagene
Modifizierungen an der konventionellen Beute waren das Schließen des
Bodens, Höherstellen, Verkleinerung des Flugloches und ein
diffusionsoffener Deckel.

André Wermelinger

André Wermelinger aus der Schweiz stellte die Frage, welche Rolle die
Besiedlungsdichte der Landschaft auf den Gesundheitszustand der Bienen
habe: In einer zunehmend ausgeräumten Landschaft vermehrt Bienen
halten zu wollen, könne nur zu Mangelernährung und Krankheiten führen.
Die Intensivierung der Honigproduktion zeitige ähnliche Ergebnisse. Da
bedarf es dann gar keiner Varroa mehr.
Klar strukturierte er imkerliches Handeln, indem er, ausgehend von
Klotzbeuten über Strohkörbe bis zu den „normalen“ Imkern, verschiedene
Ziele wie Honigertrag, Bestäubung u.s.w. darstellte. Er ermöglichte damit
auch eine Struktur zum Verständnis: Wenn man sich der verschiedenen
Ziele und Schwerpunkte bewusst ist, wird eine oft wesentliche Quelle
gegenseitigen Missverständnisses zwischen den Imkern beseitigt.

Heidi Herrmann

Frau Heidi Herrmann schilderte in einem emotional tief bewegenden
Vortrag, wie sie das erste Mal in ihrer Imkerkarriere mit Ameisensäure
behandelt hatte. Im selben Augenblick, als sie das Aufheulen des durch
Säure verätzten Bienenvolkes vernahm, wusste sie, dass sie dieses
Geräusch niemals mehr in ihrem Leben hören wollte. Käme eine ähnliche
Konzentration auf unsere Schleimhäute, so wären diese zerstört! Aus
diesem Erlebnis heraus schöpfte sie die Kraft und den Willen, sich für eine
behandlungsfreie Imkerei einzusetzen und alle Anstrengungen zu
unternehmen, um diese Idee zu verbreiten.
Im weiteren Verlauf klärte sie die Imker über unsere Traditionen auf. Sie
bezog sich auf unsere Imkerväter, die den „Bien“ beschreiben, auf
Gerstung, der das „Heiligtum des Bienennestes“ hervorhebt, auf Heinrich
Storch, der in seiner Schrift „Am Flugloch“ die Beobachtung als
wichtigstes, oft ausreichendes Instrument verantwortlichen Imkerns
beschrieb. Noch vor 40 Jahren gab es Imker, wie z. B. den von Jürgen
Küppers erwähnten Bienenvater, die sich eng und kompromisslos an
dieses „Rezept“ hielten.

Ralf Rössner

Als nächstes referierte Ralf Rössner. Sein Schwerpunkt war die
Betrachtung des Bienenvolkes als „Bien“, wie schon unsere Altvorderen es
sahen. Dabei wird das Bienenvolk nicht mehr als chemisch gesteuertes
„Reflexbündel“ gesehen, sondern als ein eigenes Subjekt. Wie der Mensch
nicht nur aus seinen Organen besteht, so sind auch die Bienen in ihrer
Gesamtheit mehr als die Summe ihrer Einzelteile, nämlich „der Bien“.
Dessen (göttliche) Lebensäußerungen zu erkennen, gelingt nicht mit von
Menschen konstruierten (und deshalb unzulänglichen) Messinstrumenten,
sondern nur durch Erleben und Beobachten.
Rössner entwickelte eine „Erdbeute“ aus dickem Lehm, die alle
bauphysikalischen Eigenschaften des Lehms besitzt und damit eine
massive Unterstützung des Biens im Kampf gegen die Varroa ermöglicht.
Vielen jungen Teilnehmern war der Gedanke, das Bienenvolk als „Bien“,
als eigenständig handelndes Subjekt zu erleben, wie es viele unserer
Imkerväter taten, ein neuer, faszinierender Gedanke.

Benjamin Rutschmann

Benjamin Rutschmann stellte kurz seine Arbeit innerhalb des Hobos
Projekts von Prof. Tautz vor, wo in zwei deutschen Naturschutzgebieten
wilde Bienenvölker gesucht und gefunden wurden.
In einer Zeit, in der das umweltbewusste Publikum applaudiert, wenn in
unseren Breiten Wölfe, Luchse und Bären renaturalisiert werden, fragt
man sich, weshalb es der Biene verwehrt sein sollte, auch als Wildtier zu
leben, was sie ja hier und weltweit kann. In Tschechien ist es schon so weit
gekommen, dass Imker, die in der Nähe von Schwärmen imkern, die
gefangen wurden, eine empfindliche Strafe zahlen müssen, da man ihnen
unterstellt, Eigentümer dieser Schwärme zu sein! Deshalb muss die Frage,
ob die Biene nur ein Nutztier oder auch ein Wildtier ist, beantwortet
werden, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die
Seuchengesetzgebung.

Piotr Pilasiewicz

Piotr Pilasiewicz aus Nordostpolen berichtete uns von Maßnahmen zum
Schutz der lokalen Bienen. Im Rahmen der Initiative „Natur, Tradition und
Geschichte“ werden Klotzbeuten als Nisthilfe in die Bäume gehängt.
Nachdem in Tschechien das Schwärmen von Bienen kriminalisiert worden
war, stellte man 1000 Klotzbeuten an der polnisch-tschechischen Grenze
auf. Dies brachte ihm spontanen Applaus ein!

Bartek Maleta

Herrn Bartek Maleta aus Südwestpolen waren sein Anliegen und die
Konferenz wichtig genug, um über 400 km mit dem Fahrrad anzureisen.
Bei einer solchen Motivation und solchem Enthusiasmus wundert es nicht,
dass er auch einen wertvollen Beitrag im Gepäck hatte: das Projekt „Fort
Knox“. So schwer es ist, in Fort Knox einzudringen und an das Gold zu
gelangen, so schwer ist es, eine behandlungsfreie Imkerei zu etablieren
und an gesunde Bienen zu kommen. Wie will die „Bruderschaft für
behandlungsfreie Imkereien“ dieses Fort nun erobern?
Kleine Hobbyimker haben sich zusammengetan und überlegt, wie sie mit
den zu erwartenden Verlusten umgehen können. Der Gedanke, eine
gemeinsame Kasse zu eröffnen und damit neue Völker zu kaufen, wurde
aufgegeben, da man bei der Selektion immer wieder bei Null anfangen und
neue Völker von außen zukaufen müsste. Nun organisierte man sich so,
dass jeder Imker neben seinen 5 – 10 Völkern noch einige Ableger aufbaut,
die der Bruderschaft gehören, aber am Stand verbleiben und dort betreut
werden. Hat ein Imker seine Völker verloren, ersetzen die anderen Imker
diese Verluste kostenlos und zwar jeder nur einige, so dass die genetische
Diversität an jedem Stand steigt. Dieses Konzept breitet sich aus, da die
Angst des Einzelnen, alles zu verlieren, durch die Gruppe aufgefangen
wird und sich außerdem schneller genetisch unterschiedliche,
behandlungsfreie Bestände etablieren können.

Zusammenfassung

Zusammenfassend sehen wir, dass die verschiedenen Referenten eine
Vielzahl neuer Ideen und Konzepte einbrachten. Diese waren so vielfältig,
dass jeder einen Anknüpfungspunkt für eigene weitere Überlegungen und
Aktivitäten finden konnte.
Zudem hatten alle die Gelegenheit, aus erster Quelle jene Vorstellungen
anderer Konzeptionen zu hören und nachzufragen, so dass sich manches
Wissen „vom Hörensagen“ in Luft auflöste und der gegenseitige Respekt
sowie die Erkenntnis, an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten, wuchs.
Wer also von der Notwendigkeit genetischer Vielfalt doziert – hier war die
Vielfalt imkerlicher Meinungen aus dem Bereich behandlungsfreien
Imkerns zugegen!

ⓒ Jürgen Küppers, April 2018

Und hier geht es zu den Videos der Bienenkonferenz.